Eine Arbeitersiedlung mit Herz

Carola Schark


Erschienen in der Badischen Zeitung 30.12.2011
Die "Holzhauerhiesli" an der Günterstäler Schauinslandstraße haben die Zeiten überdauert, sind jetzt aber in die Jahre gekommen.
Das historische Foto aus dem Jahr 1930 zeigt die damals noch recht junge Holzhauersiedlung am Rande des Stadtteils Günterstal. Foto: Stadtarchiv

GÜNTERSTAL. Günterstal – ist das nicht das bevorzugte Wohnviertel, wo sich teure Villen an den Hang schmiegen, vom malerischen Kloster bewacht? Eine Arbeitersiedlung scheint zu diesem Stadtteil zu passen wie ein Betonrelief ans Münster. Und doch versteckt sich seit 1921 hinter Bäumen und Hecken die Holzhauersiedlung an der Schauinslandstraße – benannt nach den Forstarbeitern, die hier einst mit ihren Familien lebten.
Die Zeit scheint still zu stehen. Kein Auto ist zu sehen. Verschlungene Gartenwege winden sich um die verwunschenen Häuschen mit den Herzen an den Fensterläden. Ein Blick auf die historische Aufnahme von 1930 hat hohen Wiedererkennungswert, man muss sich nur die seitdem kräftig gewachsenen Büsche und Bäume und die Jägerzäune wegdenken. Im Herbst 1920 war Baubeginn für diese neue Heimat von Holzhauern, welche meist zuvor schon in Günterstal wohnten. Für 1000 Mark Jahresmiete konnte eine "Eckwohnung mit Zubehör" angemietet werden, während die Hinterhäuser etwas günstiger waren. Die Miete verstand sich einschließlich zwei Ar (200 Quadratmeter) Garten und Kleintierstall.

Doch die beengten Wohnverhältnisse in den im Juni 1921 bezogenen zwölf Gebäuden boten bald reichlich Stoff für Konflikte. Und das Stadtrentamt ging, wie historische Dokumente belegen, mit den Bewohnern durchaus hart ins Gericht. So steht da zum Beispiel: "Aus der Wohnkolonie von Holzhauern kann bei der Art ihrer Lebensweise eben einfach keine Villenkolonie geschaffen werden." Zudem waren die Hausmeister angewiesen, "für die unsauberen Elemente eine besondere Liste anzulegen". Über einen der Bewohner findet sich in den Akten der wenig diplomatisch formulierte Vermerk: "Er selbst ist dem Trunke ergeben und seine Frau eine große Schlampe."

Die größte Angst der Stadt war, dass die heute malerisch wirkende Anlage von der Straße aus gesehen werden könnte. Mit Hainbuchen, Holunder und Liguster sollte im Jahr 1930 die Sicht verdeckt werden. Die meisten Sträucher, Hecken und Kleinbäume gingen jedoch aufgrund der sonnenarmen Lage postwendend wieder ein. Wenigstens wurde 1930 der Bau des zur Bergseite gelegenen Holzschopfes genehmigt, so dass die aus Platzmangel im Hof geschichteten Holzstapel aus dem Blickfeld verschwanden. Doch eine Bitte um Installation von elektrischem Licht wurde 1934 abschlägig beschieden. Die Familien sollten weiter abends bei Gaslicht zusammensitzen. Statt Ansprüche zu stellen, sollten die Bewohner lieber pünktlich ihre Miete zahlen, hieß es von Seiten der Verwaltung.

Die im Zweiten Weltkrieg durch Luftdruck nur leicht beschädigte Siedlung bot aufgrund ihrer verwinkelten Bauweise in der Besatzungszeit so manches Schlupfloch. "Als die Franzosen kamen, da haben wir den Speck im Stall versteckt", berichtet Rita Altieri, die seit ihrer Geburt 1934 in der Siedlung wohnt. Sie hat vor allem an die Jugendzeit schöne Erinnerungen. "Im Bach simmer als rumgumpt", sagt die Badnerin mit dem italienischen Nachnamen, den sie ihrem Ehemann Sirio verdankt.

Viel geändert hat sich an den "Holzhauerhiesli" seither nicht. Das ist ein Glück für die Denkmalpflege, und doch Anlass zur Sorge für die derzeit 33 Bewohner der Siedlung. Denn gerade im Winter zieht es aufgrund von Undichtigkeiten. Eine Sanierung von Dach und Fenstern steht ganz oben auf der Wunschliste einiger in der gemütlichen Wohnküche von Esther Seer und Tilo Rühle versammelten Bewohner. "Aber die Herzen an den Fensterläden müssen erhalten bleiben!", ruft Petra Schempp und erntet Zustimmung.

Für die achtjährige Helene und die gleichaltrige Nachbarstochter Nina ist es ganz klar, warum sie so gerne dort wohnen. "Weil es hier so viele Kinder gibt", rufen sie laut, um den dreijährigen Jakob zu übertönen, der gerade durch die Küche tobt. "Die Kinder haben hier wirklich noch Freiräume", beschreibt Petra Schempp das Lebensgefühl in der Nachbarschaft: "Man kann sich mal ein Ei leihen oder das Babyphon zum Nachbarn bringen." Rita Altieri stimmt ihr zu: "Man ist ganz nah aufeinander und doch für sich."

Das städtische Liegenschaftsamt räumt auf BZ-Nachfrage ein, dass die Siedlung einer generellen, tiefgreifenden Sanierung bedarf. Die Kosten hierfür sollen in der zweiten Jahreshälfte 2012 ermittelt werden, über das weitere Vorgehen könne erst danach entschieden werden. In jüngster Zeit seien bereits Abdichtungsarbeiten an den Kelleraußenwänden erfolgt sowie die Zufahrtswege neu hergestellt worden. Wie Amtsleiter Gerhard Meier jedoch mitteilt, ist eine Renovierung von Fenstern und Dächern derzeit nicht geplant.

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