Zur Geologie von Günterstal

Diese Betrachtung soll außer der nächsten Umgebung unseres Dorfes auch das Tal und die Berge bis hin zum Schauinsland und den geologisch besonders interessanten Lorettoberg umfassen. Dadurch kann eine Mehrzahl verschiedener und auch allgemein bedeutsamer geologischer Erscheinungen behandelt werden, besonders das Verhältnis von Schwarzwald und Oberrheingraben und die früher auch wirtschaftlich wichtigen Erzvorkommen am Schauinsland.

Das Bohrertal und die Berge

Etwa neun Kilometer lang mit tausend Metern Gefälle zieht sich das Bohrertal vom Schauinsland bis zum Nordfuß des Lorettoberges. Im Süden sind der Langenbach und der Klausenbach die größten Quelläste; ihre Wässer vereinigen sich oberhalb der Horbener Mühle zum Bohrerbach. Talabwärts nimmt dieser weitere, hauptsächlich von rechts kommende Bäche auf, von denen die des Diesendobels, des Kirchlingrundes, des Tannengrundes und des Weilerbachdobels die wichtigsten sind. Ein eigentlicher Talboden öffnet sich erst ab dem Horbener Ortsteil Bohrer und erweitert sich unterhalb von Günterstal zu der fast ebenen Fläche der Günterstäler Wiesen. Eigenartig ist die besondere Geländeform am oberen Ende des Klausenbachtals, eine halbrunde Mulde mit flachem Boden, in dem das kleine Moor der Sailenmatte liegt. Ihre Gestalt, als Kar zu bezeichnen, ist das Ergebnis der Ausräumung durch einen Gletscher, der in der letzten Eiszeit dort lag und vielleicht zeitweise auch noch weiter talabwärts reichte. In der Tat sind von Eis transportierte Gesteinsblöcke noch wenigstens 500 Meter weit nach Nordwesten hin zu finden. In den mehr als 15.000 Jahren zurückliegenden Zeiten der Vergletscherung muss der Schauinsland auf jeden Fall zwei Bereiche mit ständigem Schnee und Eis gezeigt haben, eben das Sailermattenkar auf der Günterstäler Seite und, zum Kappeler Tal gehörig, die Steilwand unmittelbar nordöstlich des Hauptgipfels.
Auch sonst bot die Landschaft des Gebietes einen wesentlichen anderen Anblick als heute, war doch die Vegetation weit schwächer, Felsen und Schutthalten vor allem auf dem höheren Bergen weit verbreitet.
Unter diesen Bedingungen konnten sich gelegentlich weitreichende Rutschungen mit Massen von Blöcken und kleineren Geröllen ins Tal ergießen; sie sind zum Teil auch noch als Kegel oder Rücken in den Dobeln und dem Haupttal erhalten. Der aufmerksame Blick kann sie beim Bohrer, vor dem Tannengrund, im Valentinsdobel und auf den Wiesen unterhalb des Dorfes noch wahrnehmen. Ihre Entstehung ist, vielleicht anders als bei anderen geologischen Phänomenen, nicht als allmählich, sondern als einzelne, dramatische Vorgänge vorzustellen. Es war der in den dreißiger und vierziger Jahren in der Dorfstraße wohnhafte Gemeinderat Wilhelm Schmiedle, zuvor Leiter der Heimschule in Salem, der auf diese Erscheinungen aufmerksam machte. Sie zeigen heute nicht mehr viel von ihrer ursprünglich so steinigen Natur; jahrhundertelange Kulturmaßnahmen haben die Flächen geglättet und in ergiebige Wiesen verwandelt. Nur noch selten kommt es vor, das der Bohrerbach über die Ufer tritt; besondere Rückhaltebecken im Bereich der Wonnhalde sollen zusätzlich noch die Wasser dieses Wildlings zügeln.   
Die Frage, wann sich eigentlich die Gestaltung des Tales und damit auch der umgebenden Berge vollzog, ist nicht ganz leicht zu beantworten. Einzelheiten, wie das Sailendobel-Kar und die steile Kappeler Wand sind im Verlauf der letzten Eiszeit, also vielleicht in hunderttausend Jahren entstanden. Dass dann aber überhaupt hohe Berge und eingeschnittene Täler schon vorhanden waren, ist die Folge eines demgegenüber schon länger dauernden Vorgangs, nämlich der Heraushebung des Schwarzwaldes gegenüber dem Oberrheingraben. Für diesen Vorgang müssen schon einige Millionen Jahre veranschlagt werden; es vollzog sich also in der älteren Quartär- und jüngsten Tertiärzeit. Eine wichtige geologische Erscheinung, die diesen Vorgang dokumentiert, ist die Hauptverwerfung welche am Lorettoberg das Grundgebirge des Schwarzwaldes von dem Deckgebirge der Vorbergzone absetzt. Sie verläuft, von Süden über das Hexental kommend, unter dem Oberen Lorettohof zur Mercystraße und dann unter der Stadt zum Westfuß des Schlossberges und weiter nordwärts in Richtung Gundelfingen-Emmendingen. Ihre geologische Bedeutsamkeit besteht darin, dass ihre Fortsetzungen nach Südwesten und Süden letztlich ins Rhonetal, nach Norden aber bis nach Südnorwegen reichen. Im Freiburger Bereich ist der von dieser Verwerfung bewirkte Höhenversatz der Erdkruste auf etwa 1,5 km zu veranschlagen. Der Bau des Lorettotunnels in den frühen dreißiger Jahren schuf eine einmalige Möglichkeit, eine so bedeutende Verwerfung unmittelbar sichtbar zu machen. Es wurde deshalb im Mauerwerk des Tunnels ein Fenster gelassen, wo das zertrümmerte Gestein an der Verwerfung unmittelbar zu sehen ist. Im Fels angebrachte Metallpflöcke im Bereich der Verwerfung lassen seither die sich immer noch vollziehenden Verschiebungen des Oberrheingraben-Blockes gegen den Schwarzwaldblock messen. Sie betragen nur wenige Millimeter pro Jahrzehnt und Beeinflussen nicht den Betrieb der Eisenbahn, die ja in diesem Tunnel die Störungszone geradewegs durchquert. Solche Verschiebungen, im Hinblick auf die Gestaltung unseres Tales und seiner Berge beurteilt, würden dafür Zeiträume von wenigen Millionen Jahren erfordern – eine Schätzung, die mit denen nach anderen Kriterien gut übereinstimmt. Zur Orientierung im weiteren Rahmen sei hier darauf hingewiesen, dass der Vulkanismus des Kaiserstuhls, der in Zusammenhang mit der Bildung des Oberrheingrabens stand, zwischen etwa 13 und 16 Millionen Jahren zurückliegt. Damals gab es noch keinen hohen Schwarzwald, von dem aus man heute die schöne Sicht auf den Kaiserstuhl hat.

Der Buntsandstein am Lorettoberg

Der Bundsandstein ist eine über große Teile Mitteleuropas verbreitete Gesteinsform, deren Material, von einem heute verschwundenen Gebirge stammend, über weite Ebenen bis hin zur Meeresküste abgelagert wurde. Sie besteht zum großen Teil aus verfestigtem Sand, in dem das verwitterungsbeständige Mineral Quarz der Hauptbestandteil ist. Gestein dieser Art, meist von weißlicher bis rötlicher Farbe, ist von vielen Bauten der Region, so dem Straßburger und Freiburger Münster, der Johanniskirche und anderen wohl vertraut. Am Freiburger Münster bestehen vor allem die älteren Bausteine aus Buntsandstein vom Lorettoberg, wo ehemalige Steinbrüche teils noch zu sehen sind, teils aber durch neuere Bauten, zum Beispiel das Loretto-Krankenhaus, verdeckt werden. Die Gesteine sind schichtweise unterschiedlich ausgebildet; helle, quarzreiche und sehr feste Sandsteine haben am Münster Jahrhunderte schadlos überstanden; andere, leichter zu bearbeitende mit mehr rötlicher Farbe stammen aus den Schwarzwald-Vorbergen in der Umgebung des alten Klosters Tennenbach; sie sind zum Teil verwitterungsanfällig und müssen heute größtenteils ersetzt werden. In Günterstal selbst besteht, neben anderen Bildhauerarbeiten, das Relief über der Türe der Liebfrauenkirche aus solchem Buntsandstein. Ganz anderer Herkunft ist der Stein mit dem Wappen der Äbtissin Maria Franziska von Zurthannen von 1759, welches das südwestliche Ende der Mauer an der Brücke gegenüber dem Kirchenportal ziert. Es stammt aus Pfaffenweiler im Markgräflerland; sein Material ist ein Kalksandstein aus der Tertiärzeit, aus dem auch sonst viele anspruchsvolle Bildhauerarbeiten unserer Region gestaltet wurden. Trotz seines Kalkgehaltes ist dieses Material nicht weiniger haltbar als der rötliche Buntsandstein.

Das Grundgebirge

Die Gesteinssubstanz der Günterstäler Berge wie auch die des angrenzenden Hochschwarwaldes bis zum Kandel und Feldberg  wird dem Grundgebirge zugerechnet, einer geologischen Formation, deren Bildungsweise, anders als etwa beim Buntsandstein, nicht ohne Weiteres aus den Erfahrungen an der Erdoberfläche zu erklären ist. Bequem zu betrachtende Sammlungen der wichtigeren Gesteinstypen aus dem Günterstäler Raum bieten die alten Mauern des Klosterbezirkes dar. Besonders frische Gesteine sind an der neuerdings wieder hergestellten Mauer des Anwesens Torplatz 3 zu betrachten. Es sind größten Teils „Wacken“, das heißt Geröll aus dem Talbach, die beim Tieferlegen des Kellers zu Tage gebracht wurden. Vor allem im regennassen Zustand zeigen sie ihre Natur am deutlichsten. Der Kundige sieht an den Steinen auf den ersten Blick die drei oder vier Hauptminerale unseres Grundgebirges. Es sind die hellen, mehr oder weniger weißlich getrübten Feldspäte, der ebenfalls helle Quarz und der dunkle Glimmer, die in verschiedenen Mengenverhältnissen und Strukturen die Gesteine aufbauen. Das Material Feldspat kann auch rötlich pigmentiert sein; das ist besonders bei dem kleinkörnigen Günterstäler Granit der Fall, der mit mehreren Stücken vertreten ist; dasselbe Gestein steht an der Bergseite der Waldstraße bei der Hirschenbrücke am südlichsten Ortsausgang an. Dort ist unmittelbar benachbart auch glimmerreicher Gneis zu sehen; seine Beschaffenheit ist durch Zerspaltung und Verwitterung zunächst weniger instruktiv als die der an der genannten Mauer. Dafür bietet aber der Aufschluss auf einer Strecke von etwa 20 Metern gültige Beispiele der wichtigsten Gesteinsarten des Grundgebirges, Granit und Gneis, dar.
Andere Gesteine in der Mauer Torplatz 3 erwecken mit ihren Strukturen den Eindruck eines plastischen Zustandes, den sie vor ihrer endgültigen Erstarrung durchlaufen haben. Es sind vor allem solche, die durch ihre Gliederung mit helleren und dunkleren Adern und Strähnen auffallen. Der Gesteinstyp mit dem Namen Migmatit ist in Grundgebirgsmassiven weltweit sehr häufig; er ist vor allem im engeren Schauinslandgebiet verbreitet, wo Felsen und Blockhalden daraus bestehen. Ihre dort sichtbaren Minerale und Strukturen, die auch die Gerölle zeigen, sind in zehn bis 15 Kilometern Tiefe und bei Temperaturen ab 700°C aufwärts gebildet worden. Wenn solche Gesteine heute an der Oberfläche zu Tage treten, dann müssen sie, abgekühlt, entsprechend hoch herausgehoben und durch Abtragung großer Gesteinsmassen bloßgelegt worden sein, ein geologischer Vorgang, der Millionen Jahre in Anspruch nahm und auch heute noch abgeschwächt andauert.
Unser erstes Bild zeigt einen etwa ein Meter großen Abbruch von typischen Migmatit aus dem Schauinslandgebiet.

Die Erze im Schauinsland

Seit dem hohen Mittelalter ging am Schauinsland Bergbau auf Silber, Blei und Zink um. Die Hauptstollen lagen hauptsächlich auf der Hofsgrunder und Kappeler Seite des Berges, aber auch im Bereich des Bohrertals gab es einen Eingang, der von den aus Horben kommenden Bergleuten benutzt wurde. Spuren davon sind im oberen Langenbachtal noch heute zu sehen. Die Erze treten im Berg in Gestalt von Gängen auf. Diese sind die Füllungen von Gesteinsspalten, in denen aus heißen Wässern Erz- und Minerale in einer bestimmten Abfolge von außen nach innen abgelagert wurden Sie können am Schauinsland bis zu drei Meter breit werden und sich im Untergrund über mehrere hundert Meter Länge und Tiefe erstrecken.
Unsere zweite Abbildung zeigt den Aufbau eines solchen Ganges von etwa 50 cm Breite, wie kurz vor der Schließung des Bergwerkes 1954 noch zu sehen war. Die dunkelsten Lagen bestehen aus den Erzmineralien Zinkblende und Bleiglanz, dieser mit einem geringen Silbergehalt. Heute sind Grubenbaue und Erzgänge des Schauinsland wieder durch das Besucherbergwerk zugänglich geworden. Spuren des Bergbauversuches aus dem 17. Jahrhundert liegen am Westhang des Brombergkopfes; der Silberbach und die nach ihm benannte Straße beziehen ihren Namen auf dieses Erzvorkommen.

Wolfhard Wimmenauer (Günterstäler Tor 2/2009)
Freiburg Webdesign - Heusser Datendesign