Das „Dreieck“ am Schauinsland.
Erlebnisse eines kriegsgefangenen Günterstälers

Der Ochsenberg ist der nördliche Ausläufer des Schauinslands; er wendet einen breiten, nach Norden gerichteten Hang zum Diesendobel, einem Quellast des Bohrertals, hin. In den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts hatte die Forstverwaltung der Stadt dort einen großen Kahlhieb durchgeführt,  der, von hohen Nadelwaldbeständen umrahmt, die Form eines auf der Spitze stehenden Dreiecks hatte. Im Winter zeigte sich diese Fläche auch aus der Entfernung dann deutlich, wenn zwischen dem noch kaum entwickelten Jungwuchs die Schneedecke weiß hervortrat und mit dem umgebenden Wald in starkem Kontrast stand. Das Dreieck war dann ein besonderes Element im Anblick des Schauinslandmassivs und dank seiner hohen Lage weithin sichtbar.
Aus der Sammlung L. Flamm

Am 23. November 1944 war ein aus Günterstal stammender Soldat in Straßburg in Kriegsgefangenschaft geraten. Drei Tage später wurde er, zusammen mit Tausenden anderer Gefangener, mit amerikanischen, offenen Lastwagen von dort nach Frankreich transportiert. Der 26. November war ein milder Herbsttag; der Himmel war zwar bedeckt, darunter aber eine sehr klare Luft, die eine weite Aussicht gestattete. Der Transport führte zunächst von Straßburg nach Norden, um dann bei Zabern den Übergang der dort niedrigen Vogesen zu erreichen. Mit den ersten Kilometern des Aufstiegs, noch in den Vorhügeln, öffnete sich eine weite Aussicht über die ganze Oberrheinebene und die Randgebirge; auch der Hochschwarzwald mit Feldberg, Schauinsland und Belchen waren deutlich sichtbar. Der Gefangene, dessen Heimat und Arbeitsgebiet dort lagen, konnte von dem Lastwagen aus für einige Minuten all diese, ihm so vertrauten Gipfel erkennen; als Bestätigung der Zuordnung zeigte sich auch das zum Schauinsland und Günterstal gehörende Dreieck in voller Klarheit. Frisch gefallener Schnee ließ es auch aus fast hundert Kilometern Entfernung hell weiß in dunkler Umrahmung hervortreten. Mit dem Einbiegen der Lastwagen in das Tal der Zaberner Steige verschwand das Bild wie endgültig. Deutlicher konnte dem Gefangenen seine Ohnmacht und die Ungewissheit über das nun Bevorstehende, Unbekannte nicht zum Bewusstsein gebracht werden; das Bild blieb ihm bis zu seiner Heimkehr, dreizehn Monate später, immer vor dem inneren Auge.

Am Abend des folgenden Tages wurden die Gefangenen dieses Transportes in Epinal in Güterwagen verladen, um weiter nach Südfrankreich gebracht zu werden. Die Wagen waren so voll belegt, dass die Menschen darin nur stehend, in der Nacht nur auf der Seite liegend, Platz haben konnten. In eben dieser Nacht hörten die Gefangenen etwa zwanzig Minuten lang das tiefe Dröhnen von Hunderten von Bombern, die offenbar auf dem Weg nach Deutschland waren. Sie, und besonders auch der Freiburger unter ihnen, konnten nicht wissen, dass gerade ihre Stadt es war, die anschließend den verheerenden Luftangriff erlebte. Die Nachricht von diesem Ereignis erreichte den Günterstäler erst Monate später.

Nicht lange nach der Ankunft im Sammellager in der Provence begegnete ihm ein anderer Gefangener aus Günterstal und es ließ sich einrichten, dass diese beiden in dasselbe Arbeitslager weiter verlegt wurden. Es war eine große seelische Hilfe, jemanden in der Nähe zu haben, mit dem heimatliche Verhältnisse und gar das „Dreieck“ besprochen werden konnte, war doch der Mitgefangene ein kenntnisreicher „Holzmacher“ und im städtischen Wald und an der Stadtsäge, damals in der Uhlandstraße, tätig gewesen. Beiden war es beschieden, am 23. Dezember 1945 nach Hause zurückzukehren und sogar zusammen in der Nacht den Weg vom Bahnhof Wiehre nach Günterstal (die Straßenbahn fuhr damals nur tagsüber) und zu den Angehörigen zurückzulegen. Das „Dreieck“ zeigte sich dem beglückten Berichterstatter am folgenden Morgen, danach aber, als wahrer Schock die völlige Zerstörung der Innenstadt, deren Vorbereitung seinerzeit im Güterwagen wahrgenommen worden war.

Wolfhard Wimmenauer
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