Einkaufen in Günterstal - im Jahr 1944

Aus der Sammlung L. Flamm

Heutzutage haben wir nur noch zwei Geschäfte in Günterstal, vor 69 Jahren war das noch ganz anders. Gerne nehme ich Sie, liebe Leserinnen und Leser, mit auf eine Reise in die Vergangenheit. Begleiten Sie mich auf meine Einkaufstour durch Günterstal im Jahr 1944.

Ich bin neun Jahre alt und damit das jüngste Glied einer achtköpfigen Familie. Außer den alten Großeltern, die schon lange hier ansässig sind, haben ein Großonkel und seine Frau, die in Berlin total ausgebombt worden sind, bei uns Unterschlupf gefunden. Auch eine andere Großtante ist aus ihrem Altersheim in Königsberg vor den herannahenden Russen geflüchtet und hat ein Plätzchen in unserem Haus gefunden. So hat meine Mutter, selbst jung verwitwet, für fünf alte Herrschaften, zwei Kinder und sich selbst täglich die Teller zu füllen, und das bei immer knapper werdenden, streng rationierten Lebensmitteln. Mir werden zum Einkauf die Lebensmittelkarten von acht Personen anvertraut. „Pass auf, dass du sie nicht verlierst!“, werde ich ermahnt; der Verlust der Lebensmittelkarten wäre eine Katastrophe gewesen.

Ich hänge die zwei Milchkannen, die große Basttasche und zwei Einkaufsnetze aus starkem Garn an meinen metallenen Kinderroller mit den Hartgummireifen (sein Vorbesitzer war Prof. Wimmenauer) und los geht die Fahrt die Kybfelsenstraße hinunter. Mein erstes Ziel ist das „Milchhäusle“ des Ehepaars Thoma am Torplatz. Wie froh ich bin, wenn die Kunden nicht bis in den Hof hinaus eine Warteschlange bilden! Doch drinnen stehen sie dicht gedrängt, alt und jung mit ihren blechernen Milchkannen und holen die ihnen zustehende tägliche Ration. Unermüdlich beugen sich Herr und Frau Thoma mit dem Halb- oder Viertellitermaß tief in die großen eisernen Kannen hinab, in denen die kostbare weiße Flüssigkeit angeliefert worden ist. Erwachsene haben nur Anrecht auf Magermilch, doch Kindern wie meiner Schwester und mir steht täglich ein Viertelliter Vollmilch zu. Deshalb habe ich zwei Miclhkannen zu transportieren. Sorgfältig hänge ich sie an meinen Roller, den ich fortan nur noch schiebe, um ja keinen Tropfen zu verlieren.

Das nächste Ziel sind die beiden Gemüsehandlungen von Frau Müller und Frau Däschle. Sie liegen genau einander gegenüber ebenfalls am Torplatz. Mein Großvater hat den beiden Konkurrentinnen den Namen „Szylla und Charybdis“ gegeben, eingedenk der gefährlichen Meerenge, durch die der abenteuererprobte Odysseus segelte. Ich soll abwechselnd mal die eine, mal die andere aufsuchen. Bei beiden Händlerinnen gibt es das, was der Garten und die jeweilige Jahreszeit gerade bieten: Kraut und Rüben und Kartoffeln im Winter, dazu Lauch und Sellerie, im Frühjahr Rhabarber, im Sommer Tomaten und Kopfsalat, im Herbst einheimische Äpfel und Feldsalat. Gemüse ist meiner Erinnerung nach nicht rationiert, aber es gibt nur in begrenzten Mengen das, was gerade hierzulande reif ist. wir kennen keine Orangen oder Bananen, keine Kiwis oder Ananas, keine Paprika oder Zucchini. Dafür gibt es in den Hungerjahren ein abscheulich schmeckendes Knollengemüse mit Namen Topinambur. Meine Netze sind nun gefüllt, doch ich habe noch mehr zu besorgen.

Als Nächstes steuere ich die „Colonialwarenhandlung“ von Fräulein Bruder in der Hirschstraße rechterhand an. Was das nur sein mag: „Colonialwaren“? Darüber sinne ich nach, wenn ich die paar Stufen zu dem altmodischen Laden hinaufsteige. Große Regale mit Schubladen bedecken die Wand hinter dem Ladentisch. Aus den Schubladen werden Erbsen, Linsen, Grieß und Zucker mit einer kleinen Schaufel in Papiertüten eingefüllt und genau gewogen. Es gibt auch Nudeln und Erbswurst für Suppen und Ruef´s Kaffeeersatz, aber alles nur auf Lebensmittelkarten. Ich muss sehr aufpassen, die Karten der verschiedenen Familienmitglieder nicht zu verwechseln. Sehnsüchtig denke ich an den braunen Kandiszucker, den meine Großmutter früher hier kaufte und der mir so gut mundete. Den gibt es längst nicht mehr. Ich lasse die Marken abschneiden, bezahle und verabschiede mich von dem alten, freundlichen Fräulein.

Mein Roller ist gut beladen, aber ich muss noch Brot holen in der Bäckerei Burgert. Der Eingang ist schräg gegenüber in der Hirschstraße linkerhand. In der Bäckerei riecht es fein nach frischem Brot, und die freundliche Frau Burgert fragt mich nach meinen Wünschen. Mein Großvater ist der Meinung, dass Kommissbrot am besten sättige, deshalb muss ich meistens dieses dunkle, schwere, feuchte Brot heimbringen. Zuhause wird dann mit einem Fähnchen die jeweilige Tagesration abgesteckt, weiter als bis zum Fähnchen darf man auf keinen Fall abschneiden...Manchmal erlaubt meine Mutter mir zum Sonntag ein Weißbrot zu holen, aber das schmeckt immer nach „mehr“. Die Bäckerei hat einen Ausgang durch den Hausflur zum Klosterplatz. Gegenüber liegt die Backstube, das Reich von Herrn Burgert. Ich kenne sie von innen, denn ab und zu werde ich samstags von zuhause dort hingeschickt mit einem Blech Hefeteig mit Streuseln darauf, gut zugedeckt, um den Kuchen dort backen zu lassen. Das kostet zehn Pfennig; Gas und Strom daheim müssen gespart werden. Gerne bleibe ich dann in der warmen Backstube stehen und schaue dem schwitzenden Herrn Burgert zu. Mit langen Holzschiebern holt er die knusprigen Brote aus dem großen Backofen, andere noch ungebackene liegen zum Einschieben bereit, und im tiefen Backtrog ist noch Teig. Da wird die Geschichte von Max und Moritz, wie sie beim Naschen in den Brotteig fallen, gut vorstellbar. Sie erinnern sich doch:

„Eins, zwei, drei, eh man´s gedacht,
sind zwei Brote draus gemacht.
In dem Ofen glüht es noch -
Ruff! Damit ins Ofenloch!
Ruff! Man zieht sie aus der Glut -
Denn nun sind sie braun und gut.“


Ist der Streuselkuchen in der milden Resthitze dann gebacken, muss ich das warme Blech wieder heimtragen. Groß ist unterwegs die Versuchung, einige der Streusel unauffällig abzuheben und in den hungrigen Mund zu schieben. Doch halt! Noch bin ich mit meinen Einkäufen nicht fertig. Ich muss noch in die Metzgerei Moll in der Schauinslandstraße. Etwas Wurst zum Abendessen soll ich auf die Fleischmarken mitbringen. Beim Warten im Laden fesselt mich ein Schild mit folgendem Vers:

„Bedien´ ich Dich wie´s Dir gefällt,
dann sage es in alle Welt!
Doch bist Du nicht zufrieden hier,
so sag es ohne Scheu nur mir!“


Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass hier bei der emsigen Frau Moll jemand nicht zufrieden sein könnte. Sie betreibt die Metzgerei alleine ohne ihren Mann; der ist im Krieg, das weiß man ja. Von den Ladenbesitzern kann doch keiner etwas dafür, dass Krieg ist und es Lebensmittelrationierung gibt und viele Leute nicht satt werden, denke ich. Außerdem gibt es bei Moll´s mittwochs „Wurstbrühe“ ohne Marken! Das ist das hochbegehrte Wasser, in dem die Blut- und Leberwürste gekocht werden. Wie freuen sich alle, wenn außer ein paar Fettaugen auf der Brühe mal ein Würstchen beim Kochen geplatzt ist und die Füllung sich im Wasser verteilt hat.

Nun aber nichts wie heim mit meinem schwerbeladenen Roller! Die Mutter wartet ja schon auf die Sachen fürs Mittagessen.

Die Endhaltestelle der Straßenbahn war zu jener Zeit am „Klosterplatz“. Dort befanden sich zahlreiche Geschäfte, in denen die Günterstäler ein und aus gingen. Überall war man bekannt und wurde freundlich bedient. Der Friseurladen, der von Herrn Bernauer und seinem Schwiegersohn, Herrn Hagedorn geführt wurde, war dort, wo er heute noch ist. Zwei Schuhmacher hatten genug zu tun, Herr Bernauer am Torplatz und Herr Katzenstein im Tor neben der Polizeiwache. Sie waren besonders gefragt zum Reparieren des immer schlechter werdenden Schuhwerks. Wie oft hat Herr Katzenstein die ständig gerissenen Riemchen an den „Holzkläpperle“ unserer Kinderfüße wieder befestigt. Es gab noch eine Bäckerei, die hieß Philipp (heute "Café Ingrid"). Links neben der Metzgerei Moll war das Lebensmittelgeschäft Steffi, später Gottlieb; rechts der Metzgerei die Drogerie Laumann. Dort gab es „Wybert“-Pastillen, de das Hungergefühl dämpften. Dann kam die Wäscherei Katzenstein mit den großen dampfenden Wäschemangeln, und auch die Post hatte ein eigenes Lokal. Handwerker wie der Blechner Baptist, der Maler Ruf, der Schreiner Seebacher und der Elektriker Haberstroh waren vielgefragte, wichtige Leute. Allerorts trafen sich beim Einkauf die Menschen, waren einander bekannt, gaben sich gute Ratschläge und halfen einander so gut es ging bei den Alltagsproblemen.

Fast möchte man wehmütig werden und sagen:
„Ach, wenn es doch wie damals wär, doch kommt die schöne, (schwere) Zeit nicht wieder her“


Helga Nübling, geb. Kampe
Helga Kampe 1944
Helga Kampe 1944
Aus dem „Günterstäler Tor“ 1/2004
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