Gasthaus Schauinsland:
Hier gab’s Essen für die Ausgebombten
Fast ländlich liegt Günterstal da auf der alten Postkarte. Vor dieser malerischen Kulisse eröffnete Wilhelm Bruder aus Zell am Harmersbach im Mai 1897 die Schankwirtschaft "Zum Schauinsland." An dieser Stelle hatte sich bereits eine Wirtschaft mit Brennerei befunden, welche die Hausnummer 66 trug (später 51). Bis in die dreißiger Jahre blieb das beliebte Ausflugslokal in Bruders Hand. Im Oktober 1938 wandte sich Karl Kunzweiler aus Konstanz an die Behörden, da er den Gasthof von Bruders Witwe käuflich erwerben wolle: "Es soll mein äußerstes Bestreben sein, denselben auf streng reeller Grundlage zu führen und das Anwesen in einen guten baulichen Zustand zu bringen."
Den Bürgermeister indessen beeindruckten solch blumige Worte wenig. Er bat noch um Vorlage eines Leumundszeugnisses und der Erklärung über die arische Abstammung des potenziellen Wirts. Kunzweiler gab sich zwar als Parteigenosse zu erkennen, der Erwerb scheiterte jedoch daran, dass er keinen Nachweis seiner Qualifikation erbringen konnte. Im Januar 1939 zog er - nach nochmaligen Verhandlungen mit der Kriegsfürsorge - sein Gesuch zurück.
Im Mai 1939 kam der "Schauinsland" doch noch in gute Hände: Gastwirt August Frank und seine Frau Maria, genannt "Mariele", eröffneten im Juli desselben Jahres das Lokal und führten es fast 50 Jahre lang. Allein die damaligen Konzessionsbedingungen lassen das alte Haus vor dem geistigen Auge wieder aufleben: "Anstelle des alten, ausgelaufenen Holzbodens ist tunlichst ein massiver Boden (Plattenboden) herzustellen." Auch war man seiner Zeit weit voraus: Für die Toilette wurde gar ein elektrischer Händetrockner gefordert - und das Ende der dreißiger Jahre.
Franks, die vom "Rössle" in Oberprechtal kamen, mussten nach Ausbruch des Krieges sowohl ein Mannheimer Flak-Bataillon als auch eine Gebirgsjägerkompanie aufnehmen. In den Gästezimmern nächtigten evakuierte Frauen aus bombardierten Städten - bis zum November 1944, als Freiburg selbst in große Not geriet.
Fast 200 Ausgebombte erhielten im "Schauinsland" mittags und abends eine Mahlzeit im Schein der trüben, rauchenden Hindenburglichter. Diese waren ursprünglich für Schützengräben konzipiert gewesen und wurden auch in Bunkern eingesetzt, um vor Sauerstoffknappheit zu warnen.
Gasthaus Schauinsland 1953 (Sammlung L. Flamm)
Nach dem Krieg gab es jedoch noch kein Aufatmen: Von Mai 1945 bis August 1953 war der "Schauinsland" von der französischen Besatzung teilweise beschlagnahmt. Später fungierte er wieder als Mittelpunkt des Günterstäler Vereinslebens. "Denn was ist Günterstal ohne den Schauinsland!" schrieb die Badische Zeitung 1980 - und meinte nicht den Berg. Nach dem Abbruch 1987 entstand eine großzügige Wohnanlage, die traditionelle Stilelemente mit der klaren Formensprache der achtziger Jahre vereint. Stimmungsvoll am Bach gelegen, mit schönen Bäumen - eine moderne Idylle am geschichtsträchtigen Platz.

Erstmals veröffentlicht: Badische Zeitung  22.11.04
Carola Schark
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