Jonas Cohn in Günterstal

Villa Cohn 1915 (aus: Architektonische Rundschau 1915)
Die Villa Cohn 1915
     Im Mai 1913 konnte der Philosophieprofessor Jonas Cohn mit seiner Familie den Neubau der Villa am Weilersbachweg 18 beziehen, Architekt des Hauses (wie auch der benachbarten Villa Saemisch) war der Freiburger Rudolf Schmidt.
     Der 1869 in Görlitz geborene Jonas Cohn hatte sich 1897 bei dem Philosophen Heinrich Rickert habilitiert und lebte seither als Dozent, dann als außerplanmäßiger Professor für Philosophie und Pädagogik in Freiburg und leitete das Institut für die (damals noch zur Philosophie) gehörende experimentelle Psychologie. Nach der Hochzeit 1903 mit Elise, geborene Ebstein, wohnte das Paar zunächst in der Goethestr. 14, dann in der Bürgerwehrstr. 1 und schließlich in der Talstraße 62. 1904 wurde der Sohn Hans geboren, später nahm dieser den Namen Gottschalk an. 1913 besuchte der Student Walter Benjamin Cohns Seminar über die Ästhetik Kants und Schillers; er sollte sich später als Schriftsteller, Kulturkritiker und Übersetzer einen Namen machen. Als 1915 die Nachfolge des bisherigen Ordinarius Rickert anstand, machte sich auch Cohn Hoffnungen. Aber Rickert teilte ihm vertraulich mit: „Für Sie (und Simmel) war nichts zu machen”, als Nachfolger wurde Edmund Husserl berufen. Hier übergangen worden zu sein, empfand Cohn als „eine schwere Kränkung und als schweres Unrecht”. Husserl empfahl Cohn zwei Jahre später für die Neubesetzung eines Extraordinariats in Marburg: „Haben Sie nicht an J. Cohn gedacht? [...] Als akademischer Lehrer übt er bei seiner großen Lehrbegabung und seiner reichen Bildung eine vorzügliche Wirkung”. Aber diese Empfehlung blieb wie weitere folgenlos, weder erhielt Cohn je ein Ordinariat an der Freiburger Universität noch einen Ruf an eine andere Hochschule, weshalb er annehmen musste, sein Judesein sei für die akademische Karriere hinderlich (Husserl war 1886 zum Christentum übergetreten, auch für den mit Cohn befreundeten Psychologen und Philosophen William Stern, den „Erfinder“ des Intelligenzquotienten, wäre für die Berufung nach Berlin der Übertritt zum Christentum obligatorisch gewesen). Cohn selbst hatte sich schon in der Jugend von der jüdischen Religion abgekehrt, jedoch nicht dem Christentum zugewandt. Sein philosophisches Denken wird dem Neukantianismus1 in der südwestdeutschen (bzw. „badischen“) Ausprägung zugerechnet, er verfasste u.a. eine „Wertwissenschaft“ (1932), jedoch auch Schriften zur Psychologie und Pädagogik, und 1916 übernahm er neben seinen Universitätsaufgaben kriegsbedingt eine zusätzliche Tätigkeit als Lehrer am Bertoldgymnasium in Freiburg.
    Die Villa gab den Cohns die Möglichkeit zu großzügiger Gastfreundschaft: Die Philosophiestudentin Gertrud Walther hörte 1919 Philosophiegeschichte bei Jonas Cohn; sie berichtet in ihrer Autobiographie von dem Seminar, das er in seiner Villa abhielt, „eine Stunde zu Fuß auf schönen Waldwegen oder auch mit der Straßenbahn erreichbar. Wir blieben dann den ganzen Nachmittag bei ihm draußen und wurden auch zum Tee, oft auch zum Abendessen eingeladen“. Im Sommer 1920 kam der Sohn William Sterns, Günher (ein Cousin Waltere Benjamins), erstmals ins Haus, um in Freiburg Philosophie zu studieren und wurde hier „Pensionär“; in den folgenden Jahren war er immer wieder Gast in Günterstal. Günther Stern hat sicher Vorlesungen Cohns besucht, wurde allerdings 1923 bei Edmund Husserl promoviert. Sechs Jahre später heiratete er die Philosophin Hannah Arendt und wurde nach seiner Rückkehr aus dem Exil unter dem Namen Günther Anders zu einem der meistbeachteten Kulturkritiker (Hauptwerk „Die Antiquiertheit des Menschen“) in der Bundesrepublik der Nachkriegszeit. 1923 fand das Ehepaar Stepun Unterkunft in der Villa Cohn. Der Philosoph Fedor Stepun hatte die russische Revolution überlebt, wurde aber 1922 zusammen mit vielen Intellektuellen aus Russland ausgewiesen. In Freiburg ließ er sich als Hörer bei Husserl und Cohn einschreiben, wodurch es ihm möglich war, eine Aufenthaltserlaubnis in Deutschland zu erhalten. Im Haus am Weilersbachweg (später unter der Adresse Reutestraße Nr. 1) tagte ab 1928 turnusmäßig auch das „Pentathlon“ („der geistige Kampf der fünf Fakultäten“), eines der Professorenkränzchen, zu dem die Nobelpreisträger Hans Spemann und Georg von Hevesy zählten, daneben u.a. auch der Dogmatiker Engelbert Krebs, der Botaniker Friedrich Oehlkers, der Mineraloge Friedrich Rinne, der Jurist Erik Wolf, der Musikwissenschaftler Willibald Gurlitt und der Archäologe Walter-Herwig Schuchhardt. Man traf sich annähernd monatlich bei einem der Mitglieder, um einen Vortrag über ein Thema dessen Fachgebiets zu hören1.
    Der Nachlass Jonas Cohns enthält umfangreiche Tagebücher, die allerdings kaum je etwas über den Günterstäler Alltag des Philosophen wiedergeben, es überwiegen Auszüge aus seinem enormen philosophischen, aber auch literarischen Lesepensum. Erst im Rückblick 1945 schildert Cohn das nicht nur gutnachbarschaftliche, sondern freundschaftliche Verhältnis zur Familie Saemisch, mit Friedrich Ernst Moritz Saemisch, bis 1938 Präsident des Reichsrechnungshofs, verband ihn die Liebe zu Garten und Pflanzen. In Günterstal ist der Name Cohn heute weitgehend unbekannt, aber einer unserer ältesten Mitbürger kann sich noch gut an Jonas Cohn erinnern, der ihm damals imponierte, weil er trotz einer Beinverkürzung ausgedehnte Schwarzwaldwanderungen unternahm.
    1928 folgte auf Edmund Husserl als Ordinarius Martin Heidegger. Nach der Wahl Hitlers zum Reichkanzler im Januar 1933 bot Jonas Cohn im April an, seine Vorlesungen einzustellen. Heidegger, mittlerweile Rektor, forderte ihn aber auf, weiterhin zu lesen. Im gleichen Monat wurde das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ erlassen, jetzt wurde Cohn beurlaubt, kurz danach wurde „die Beurlaubung von Universitätsangehörigen der jüdischen Rasse“ aber noch einmal ausgesetzt, und Cohn nahm nach einem Telefongespräch mit Heidegger seine Vorlesungen zunächst wieder auf. Am 25. August erhielt er dann die Mitteilung der Pensionierung auf den 1. Dezember. Hans Gottschalk bezeichnete später Heideggers Verhalten gegenüber seinem Vater als „völlig korrekt“.
Jonas Cohn (Foto: Jonas Cohn-Archiv)
Jonas Cohn
   Ab 1933 wirkte sich der nationalsozialistische Kurs immer stärker aus, Cohn nannte 1935 die Situation fast unerträglich, „viele einzelne Menschen, ja die gesamte soziale Atmosphäre Freiburgs erleichtern das Schwere – aber oft gewinnt es die Oberhand“. 1937 beschloss das Pentathlon, dass ein Weiterbestehen mit jüdischen Mitgliedern nicht möglich sei, Spemann und Gurlitt erklärten daraufhin, einem Kreis, an dem Cohn nicht teilnehmen könne, wollten sie nicht mehr angehören, das Pentathlon löste sich auf.
   1938 erhielt die Schwiegertochter Anneliese Gottschalk eine Anstellung in der Universität Cambridge; Jonas und Elise Cohn beabsichtigten, in der Heimat zu bleiben, einen Teil des Hauses wollten sie möbliert vermieten. Da wurde vom NS-Regime die „Kristallnacht“ inszeniert; die Cohns wollten, wie schon oft, einige Tage im Pilgerheim auf dem Lindenberg verbringen, aber es war den Schwestern nicht mehr erlaubt, „nicht-arische“ Gäste aufzunehmen. Als Hans Gottschalk jetzt die Eltern einlud, nach England zu kommen, fiel der Entschluss zur Emigration.
   Aus Jonas Cohns Notaten aus dieser Zeit: „Die ersten Monate des Jahres 1939 verbrachten wir noch in unserem Haus in Günterstal - aber in sehr veränderten Umständen“. Bei den Vorbereitungen zur Abreise „waren alle Beamten in Freiburg und Karlsruhe so freundlich und entgegenkommend, wie die harten Gesetze es erlaubten“.
Villa Cohn unterhalb der Villa Saemisch 1939 (Sammlung L. Flamm)
Villa Cohn unterhalb der Villa Saemisch 1939
   Nach der Abreise am 28. März: „Haus und Garten, die wir gebaut, gepflanzt, gepflegt, durch Opfer in schweren Jahren uns erhalten, wurden uns fremd. Ich hätte nie gedacht, dass ich mich darauf freuen könnte, diese Treppen, diese vertrauten Wege ein letztes Mal zu gehen – und doch war es so”. Cohn zählt die Freunde auf , die „uns den Abschied durch ihre Treue zugleich schwer und leicht machten“: Darunter Spemann,wahr und echt wie immer“, der Nachbar Saemisch (der mit seiner Familie bei der Abfahrt vor ihrem Tor stand), Engelhard Krebs und das „gute, hilfreiche, katholische Fräulein Luckner, die uns öfter abends besuchte3 .
   Von 1939 bis 1947 lebte das Ehepaar Cohn in Bournville-Birmingham (England), wo Cohn noch mehrere Monographien verfasste und Vorträge hielt. Er starb am 12. Januar 1947, wenige Wochen vor der geplanten Rückkehr nach Günterstal. Elise Cohn kam ein Jahr darauf in die alte Heimat zurück. Es bedurfte jedoch eines Restitutionsverfahrens, um wieder in den Besitz ihres Hauses zu gelangen. Der nationalsozialistische Staat hatte die Villa Cohn dem erfolgreichen, höchstdekorierten Jagdflieger Hermann Graf zum Geschenk gemacht. Elise Cohn zog allerdings nicht mehr in die Villa in der Reutestraße, sondern wohnte bis zu ihrem Tod 1955 im Haus Dorfstraße Nr. 3.
   Das Grab von Jonas und Elise Cohn ist auf dem Günterstäler Friedhof nahe dem des Ehepaars Husserl zu finden.

  1. Neukantianismus ist die vor allem von Otto Liebmann und Friedrich Albert Lange eingeleitete philoso phische Bewegung, welche sich unter Berufung auf die transzendentale Logik und erkenntnistheoretische Schriften Immanuel Kants gegen den Materialismus wendet, Wikipedia (Stand: 27.01.2016).
  2. Universitätsarchiv Freiburg UAF-C 27
  3. Gertud Luckner, wegen ihrer umfangreichen Unterstützungstätigkeit für jüdische Mitbürger 1997 Ehrenbürgerin Freiburgs


Quellen:
Jonas Cohn – Archiv, Salomon L. Steinheim-Institut Essen

Die Freiburger Philosophische Fakultät 1920 – 1960, Freiburg/München 2006, S.

Margret Heitmann: „Jedes Gefühl der Zugehörigkeit fehlt“. Jonas Cohn (1869 -1947) – Einblicke in ein deutsch-jüdisches Gelehrtenleben.
Anselm Model:Ein anderes deutsches Antlitz“. Zur Wertphilosophie und Ethik Jonas Cohns,
In: Freiburger Universitätsblätter, Heft 108, Juni 1990, S. 121-131. .


Klaus Hockenjos
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