Persönlichkeiten Günterstals - Interview mit Swetlana Geier

Swetlana Geier (1923–2010), Literaturübersetzerin, lebte in Günterstal
Swetlana Geier, berühmt durch ihre Neuübersetzungen der großen Romane von Dostojewskij, wurde 1923 bei Kiew geboren. Nachdem ihr Vater dem stalinistischen Terror zum Opfer gefallen war, kam sie mit ihrer Mutter 1943 nach Deutschland. Sie studierte vergleichende Sprachwissenschaften und Literaturwissenschaft in Freiburg. Ihre Übersetzertätigkeit begann 1953, seit 1964 hat sie einen Lehrauftrag an der Universität Karlsruhe. Ihr wurden unter anderemdie Ehrendoktorwürde der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und der Universität Basel, der Preis der LeipzigerBuchmesse sowie die Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg verliehen.

Frau Geier, ist Übersetzen für Sie ein Handwerk oder Kunst?
Es ist eine schier nicht zu beantwortende Frage. Schon in der Schule lernt man den Gebrauch eines Wörterbuches. Aber das hat mit dem was ich mache wenig zu tun. Übersetzen tut ja nicht nur der Übersetzer. Die entscheidendste Handlung des Menschen ist das Übersetzen. Jeder Mensch spricht seine Sprache und wenn er Glück hat, wird er verstanden. Familienstreitigkeiten zum Beispiel basieren oft auf „Übersetzungsfehlern“, weil die Sprache ein sehr unzuverlässiges Gefährt ist. Und es muss sehr sorgsam behandelt werden und das wird es in den seltensten Fällen. Es gibt so viele Sprachen wie es Menschen gibt. Und es gibt immer eine Differenz zwischen dem was gesagt und dem was verstandenwurde.GutesÜbersetzenist also Kunst.

Benutzen Sie also kein Wörterbuch?
Doch, für Berufssprachen und Fachjargon.

Sind Sie selbst mit Ihren Übersetzungen endgültig zufrieden?
In etwa. Es ist ein Trost für mich, wenn ich sage: vielleicht gibt es niemanden der es besser machen könnte. Was meinen Schreibtisch verlässt, lässt sich zeigen. Ein großes Desaster ist mir bis jetzt nicht nach gewiesen worden.

Ungewöhnlich ist, dass Sie Ihre Übersetzungen diktieren. Warum machen Sie das?
Sprache ist unabhängig vom Papier. Sie ist nichts Geschriebenes und auch nichtsGelesenes, sondern etwas Vernommenes. Ich lasse mir den fertigen Text noch einmal vorlesen,denn die Sprache ist nur in der Luft.

Was lesen Sie, wenn Sie nicht mit Dostojewskij beschäftigt sind?
Viel. Man kann übersetzen nicht lernen. Man muss einen Eisenbahnwagon Bücher gelesen haben. Den Imperativ den ich als Lehrende am meisten gebraucht habe heißt: Lesen Sie!
Es gibt wenige Kollegen, die so rückständig sind wie ich und das raten. Aber man kann anders übersetzen nicht lernen.

Warum lernten Sie als Kind in der Ukraine deutsch?
Ich war das einzige Kind meiner Eltern. Das Barometer stand tief. Meine Mutter hat schon gewusst, das Sprachen das einzige sind, womit man weiterkommt.

Was wollten Sie als Kind werden?
Eine schöne Frau und ich wollte viel zu sagen haben.

Sehen Sie Gemeinsamkeiten zwischen der russischen und der deutschenSprache?
Russisch und deutsch gehören im Sprachstamm zusammen. Darüber ist von den Gebrüdern Humboldt sehr interessant geforscht worden. Beide Sprachen sind flexibel. Zum Beispiel deklinieren beide. Das ist ein Vorzug. Das ist wie ein Koch, der nicht nur 2 Speisen kochen kann sondern 33 und die schmecken alle. Die Flexibilität der Sprache bedeutet, dass die Sprache sehr empfindsam ist. Darum ist es für mich ein Drama, wenn die Deutschen ihre Sprache verlieren.

Seit wann wohnen Sie in Günterstal?
Und was hat Sie hier her verschlagen?

Seit 1944. Damals waren wir sehr arm. Wir hatten gar nichts. Aber ich hatte ein Alexander von Humboldt Stipendium. Das musste für uns beide reichen. Aber man stelle sich vor: ich gehörte zumfeindlichen Volk und es warschon klar, dass die Deutschen den Krieg gegen Russland verlieren würden. Und trotzdem bekomme ich in Berlin das Alexander von Humboldt Stipendium. Und ein Herr imMinisterium für die besetzen Ostgebiete hat mir gesagt, ich solle nach Freiburg gehen, damit sein Schwager, der hier an der Uni war, mir helfen sollte. Und seine Frau hat mir dann eine Adresse in Günterstal gegeben. Dort wohnten wir dann in der Mansarde. Nach wie vor ist Günsterstal für mich das Paradies. Kein besseres Paradies als die Schauinslandstraße 99a!

Haben Sie ein Lieblingsgericht?
Viele. Ich koche sehr gut. Eine alte Günterstälerin hat mir vor meiner Hochzeit eine Lebensweisheit mitgeben wollen: „Man wohnt über seinen Verhältnissen. Man kleidet sich den Verhältnissen entsprechend an und man isst unter seinen Verhältnissen.“ Letzteres habe ich natürlich nie befolgt. Ich kann Ihnen mal was russisches beibringen. Aber das ist sehr unpraktisch, weil russische Gerichte sehr arbeitsintensiv sind.

Kaffee oder Tee?
Je nach Tageszeit. Morgens starken Kaffee, abends unbeschränkt starken Tee

Bier oder Wein?

Bier schmeckt mir nicht.Und den Wein habe ich noch nicht entdeckt.Es ist mir nicht klar, warum ich den trinken muss.

Strand oder Berge?
Beides! So wie in Nordspanien. Fünf Kilometer Strand und dann Berge.

Frühaufsteher oder Langschläfer?
Wenn ich ein freier Mensch wäre, wäre ich ein Langschläfer. Aber ich kann es mir nicht erlauben. Um 9 Uhr kommt die Frau, die für mich schreibt.

Strenge Ordnung oder kleines Chaos?
Ich würde sagen ein vergeblicher, lebenslänglicher Kampf gegen Chaos.

Es fragte Julia Schneider (Günterstäler-Tor)
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